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Schreckensnacht in der Mühlenstraße: Gehbehinderte Frau rettet sich auf allen Vieren aus ihrer brennenden Wohnung

  • Subtitle: Uelzen

Von Michael Michalzik

Uelzen. Ob der Mann, der sich nach dem verheerenden Feuer in der Uelzener Mühlenstraße vor kurzem als möglicher Brandstifter den Behörden gestellt hat, weiß, welches Leid er den Menschen dort zugefügt hat?

Die 60 Jahre alte Bewohnerin einer der betroffenen Wohnungen berichtet im Gespräch mit den Uelzener Nachrichten, wie sie am 11. April nur knapp dem Feuertod entronnen ist - sie hat alles verloren, ab nächste Woche würde sie mittellos auf der Straße stehen, wenn sie nicht bei einer Freundin unterkommen könnte.

Wie berichtet, war der Polizei in der verhängnisvollen Nacht ein Brand von Müllcontainern in dem ruhigen Hof in der Mühlenstraße gemeldet worden. Ein Mann war gesehen worden, der sich an den Containern zu schaffen gemacht hatte. In kurzer Zeit loderten die Flammen an den Fassaden zweier Mehrparteienhäuser empor, Holzverkleidungen fingen Feuer, Fensterscheiben barsten. Die Feuerwehr reagierte blitzschnell, evakuierte 35 Menschen, einen Hamster und eine Katze. Die Bilanz: zwei Verletzte, mehrere unbewohnbare Wohnungen, 800.000 Euro Schaden.

Und grauenhafte Erinnerungen, die vielleicht niemals heilen werden: „Aufgewacht bin ich von einem Knallen“, berichtet die 60-Jährige, die schwerst gehbehindert und auf Krücken oder einen Rollstuhl angewiesen ist. Es dauerte einen Moment, bis sie realisierte, dass es keine Knallkörper waren, die jemand gezündet hatte - es waren die Scheiben ihrer Fenster, die unter der Hitze zersplitterten, während die Flammen bereits die Fassade erfasst hatten. Ihr erster Gedanke galt der geliebten Katze: „Ich bin auf dem Bauch durch die Wohnung und habe sie gesucht.“ Die Feuerwehr konnte das Tier schließlich retten. Die 60-Jährige schnappte sich noch einen Feuerlöscher, weil sie annahm, der Brand beschränke sich auf den Balkon. Doch in kurzer Zeit wurde ihr klar, dass ihre Wohnung, in der sie 37 Jahre lang zu Hause war, zur tödlichen Falle wurde.

Die Bewohnerin weiß bis heute nicht, wie es unmittelbar danach weiterging, nachdem sie sich auf allen Vieren aus der Wohnung retten konnte: „Irgendwie habe ich es die Treppen aus der zweiten Etage heruntergeschafft und bin im Hof den Feuerwehrleuten in die Arme gefallen.“ Bekleidet war sie mit einem Mantel - das Einzige, was ihr geblieben ist: „Alles andere wurde durch Flammen oder Löschwasser zerstört.“

Nach einigen Tagen konnte sie für wenige Minuten zurück in das, was viele Jahre ihr gemütliches Heim war. Geblieben sind rauchgeschwärzte Trümmer, zum Teil eingestürzte Decken, vernagelte Fenster. Von ihren persönlichen Sachen war nichts mehr zu retten, auch etwas Geld, das auf einem Tisch lag, war zu einem Klumpen zusammengebacken. Und sogar dieser kurze Besuch war nicht gefahrlos: „Ich durfte nur ganz kurz bleiben, weil der Brandschutzbeauftragte darauf gedrängt hat, dass wir wieder weg müssen - Einsturzgefahr.“

Die Hansestadt Uelzen setzte sich umgehend für die betroffenen und wohnungslosen Menschen ein: „Wir haben geeignete Wohnungen angeboten und uns intensiv darum gekümmert“, sagt Stadtsprecherin Ute Krüger. Für die 60-Jährige in dieser Ausnahmesituation dennoch nicht einfach: Eine Wohnung mit anderen Menschen zu teilen, ist im Moment für sie nicht denkbar - zu angegriffen ist sie nach der Schreckensnacht noch und braucht Ruhe. Für einige Tage konnte sie in einem Uelzener Pflegeheim bleiben, die Möglichkeit endet am kommenden Montag. Dann kann sie bei einer Freundin unterkommen. Wie es danach weitergeht? Offen. Wegen der Zündel-Wut eines Brandstifters hat sie alles verloren, was sie sich in 37 Jahren aufgebaut hat.

Fotos: Feuerwehr Uelzen, Michalzik