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Tierwelt

Mammutaufgabe Artenschutz: Die Igelhilfe Lüneburger Heide am Limit

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Jelmstorf. Jedes Jahr versorgen Cordula Maria Kellner und ihre Mitstreiter rund 400 hilfsbedürftige Igel. Angesichts immer knapper werdender finanzieller und personeller Ressourcen können sie ihre Arbeit kaum noch bewältigen. Ein Bericht über strukturelle Probleme und die Frage, was wir zum Schutz der bedrohten Tierart beitragen können.

Von unserer Redaktion

In der Igelstation Jelmstorf herrscht derzeit Hochbetrieb. Rund 40 Igel werden dort aktuell versorgt, darunter etwa 25 Igelbabys. Für Stationsleiterin Cordula Maria Kellner ist das keine ungewöhnliche Situation. Sie und ihr kleines Team sind in den vergangenen Monaten schon mehrmals an ihre Belastungsgrenzen gestoßen. Dabei steht der schwierige Teil des Jahres erst noch bevor. Im Herbst machen viele Menschen ihre Gärten winterfest. Hecken werden geschnitten, Büsche gestutzt und Laub entfernt. Dadurch haben die Igel weniger Rückzugs- und Versteckmöglichkeiten. Das ist fatal, weil sie geschützte Plätze für den Bau ihrer Winterschlafnester benötigen. Hinzu kommt, dass die Tiere bei dichtem Bewuchs leicht übersehen und durch Gartengeräte wie Sensen oder Freischneider schwer verletzt werden können, ohne dass der Mensch es bemerkt. „Igel geben ja keinen Laut von sich, wenn sie verletzt oder zerschnitten werden, und verenden qualvoll“, erklärt Kellner.

Wachsende Gefahr durch Mähroboter

Die Zahl der Verletzungen durch Mähroboter ist Cordula Maria Kellner zufolge weiter gestiegen. Einen wesentlichen Grund dafür sieht sie in der zunehmenden Verbreitung der Geräte. „Mähroboter werden zu immer günstigeren Preisen angeboten und dadurch von immer mehr Menschen gekauft”, sagt sie.

Zwar gibt es in manchen Gemeinden Regelungen, nach denen Mähroboter ab der Dämmerung nicht mehr betrieben werden dürfen. Doch im Sommer greift das zu kurz. In dieser Zeit wird es sehr spät dunkel, so dass die Geräte bis fast in die Nacht hinein über den Rasen laufen. „Die Igel kommen aber schon früher aus ihren Verstecken, um Nahrung zu suchen“, weiß Kellner. „Werden sie von einem Roboter erwischt, hat das schlimme Folgen. Wir sehen immer wieder Tiere mit abgetrennten Gliedmaßen und tiefen Fleischwunden. Und wo es gar keine Regeln gibt, fahren die Geräte oft die ganze Nacht durch bis in den Morgen.“ 

Warum Igel das ganze Jahr Unterstützung brauchen

Pro Jahr versorgt die Igelstation Jelmstorf rund 400 Igel – Tendenz steigend. Neben verletzten Tieren sind auch immer mehr unterernährte Exemplare und verwaiste Igelbabys anzutreffen. „Besonders fallen abgemagerte Igelmütter auf, die ihren Nachwuchs versorgen müssen: Sie laufen hochbeinig, staksig und mit geknicktem Nacken durch die Gegend. Das ist ein klares Zeichen für Hilfsbedürftigkeit“, erklärt Kellner. 

Dieser Zustand ist das Ergebnis eines dramatischen Rückgangs an Insekten. Die Gründe hierfür sind vielfältig, um mit zunehmend austrocknenden Böden und dem Einsatz von Pestiziden nur ein paar Beispiele zu nennen. Auch Mähroboter zerstören mit ihren Klingen Insektengelege im Rasen. Igel finden in der freien Natur daher kaum noch Nahrung. Kellner konstatiert: „Zufüttern ist deshalb nicht nur im Herbst und Winter wichtig. Der Igel braucht das ganze Jahr über unsere Unterstützung. Nicht umsonst steht das älteste Säugetier der Erde auf der Roten Liste vom Aussterben bedrohter Tiere.“

Gute Absichten helfen nicht immer

Ein Igel, der tagsüber durch den Garten läuft, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf der Suche nach Nahrung und Wasser. Cordula Maria Kellners Rat lautet, erst einmal zu beobachten und das Tier im Zweifel zu wiegen, statt es vorschnell einzufangen und in eine Station zu bringen. Speziell bei Igeljungen ist das Gewicht ein entscheidendes Kriterium. „Wiegt ein Junges Ende September um die 250 Gramm, ist es normalerweise so weit entwickelt, dass es sich selbst ernähren kann“, erklärt Kellner und ergänzt. „Ab diesem Gewicht verlässt die Igelmutter das Nest. Die Kleinen lernen dann, sich selbst zu versorgen. Wenn man sie während dieser wichtigen Phase der Natur entnimmt, mag das gut gemeint sein. Man tut ihnen damit jedoch keinen Gefallen.“ 

Hat ein junger Igel dieses Mindestgewicht erreicht, ist Zufüttern die deutlich bessere Option. Anders verhält es sich, wenn ein Tier offensichtlich krank, verletzt oder stark geschwächt ist. Dann gilt es, das Tier schnellstmöglich zu sichern. Cordula Maria Kellner gibt dazu folgende Anleitung: „Man legt einen hohen Karton mit Zeitungen aus und setzt den Igel mit einem Handtuch hinein. Eine Wärmflasche darf man nur hinzulegen, wenn sich auf dem Tier keine Fliegeneier befinden. Man erkennt sie an gelben Nestern. Über den Igel kommt ein zweites Handtuch, damit er sich darunter verstecken kann. Dann stellt man Wasser und Futter dazu und kontaktiert eine professionelle Auffangstation.“

Das richtige Futter für Igel

Für die Zufütterung empfiehlt Kellner eine Mischung aus Nass- und Trockenfutter und zusätzlichen Proteinen: „Wir raten zu Nassfutter für Katzen oder Kitten mit mindestens 60% Fleischanteil. Wichtig ist, dass es sich um Pastete handelt, denn Soße und Gelee vertragen Igel nicht.“ Es sollten weder Getreide noch Zucker oder Konservierungsstoffe enthalten sein. Ergänzend kann ein spezielles Igeltrockenfutter mit hohem Rohproteingehalt angeboten werden, sofern es sich um erwachsene Tiere handelt. 

Als zusätzliche Eiweißquelle empfiehlt Kellner Soldatenfliegenlarven anstelle von Mehlwürmern: „In Mehlwürmern steckt zu viel Calcium für Igel. Das können sie gar nicht verwerten. Soldatenfliegenlarven sind besser geeignet und kosten weniger.“ Beim Bereitstellen von Wasser ist Vorsicht geboten: Igel sollten nicht aus Schalen trinken, die auch von Vögeln genutzt werden, da diese Salmonellen übertragen können.

Fehlende Ressourcen

Dass Kellner und ihre Mitstreiter ihre Arbeit noch stemmen können, ist erstaunlich angesichts der widrigen Umstände. Drei Helferinnen sind zuletzt aus gesundheitlichen Gründen ausgefallen; die tägliche Versorgung der Tiere lastet auf wenigen Schultern. Als wäre der personelle Engpass nicht herausfordernd genug, kämpft die Station an einer zweiten, existenziellen Front: den Finanzen. Eigentlich wollte Cordula Maria Kellner ihre Wärmestation, in der aktuell bis zu 15 Igel intensiv aufgepäppelt werden können, vergrößern. Doch der Plan liegt erst einmal auf Eis. „Dafür fehlt uns das Geld“, berichtet Kellner. Es gehen immer weniger Spenden ein und seit dem Tod des Hauptförderers, der die Station jährlich mit mehreren Tausend Euro unterstützte, wird die finanzielle Lücke zunehmend größer. „Ein Igel, der lediglich entwurmt und beherbergt werden muss, kostet uns pro Monat etwa 220 Euro. Wenn man diese Summe auf 400 Igel pro Jahr hochrechnet, liegen die Kosten für den Verein bei 88.000 Euro – und darin sind noch keine medizinischen Behandlungen von Verletzungen berücksichtigt“, schildert Kellner.

Ein strukturelles Problem

Hinter der finanziellen Not steckt ein strukturelles Problem. Die Igelhilfe Jelmstorf ist ein eingetragener Verein und vom Veterinäramt nach § 11 des Tierschutzgesetzes zertifiziert. Staatliche Unterstützung gibt es deshalb aber noch lange nicht. Während gefundene Haustiere wie Hunde oder Katzen rechtlich als Fundsache gelten und die Kommunen für deren Unterbringung im Tierheim aufkommen, sieht es bei Wildtieren anders aus. Sie gehören niemandem und gelten als „herrenlos“. Allerdings stehen sie unter dem Schutz des Staates. Im Bundesnaturschutzgesetz ist klar geregelt, welche Tiere geschützt und gepflegt werden müssen. Igel gehören als potenziell gefährdete Art dazu. 

„Eigentlich ist es absurd, dass der Staat für Haustiere zahlt, aber nicht für Ihre Wildtiere, die unter seinem Schutz stehen“, kritisiert Kellner. Wie bitter sich das in der Realität auswirkt, zeigt ein aktuelles Beispiel: Die Igelhilfe hatte beim Landkreis eine Unterstützung von 5.000 Euro beantragt. Bewilligt wurden gerade einmal 2.000 Euro. Und das, obwohl die Igelstation Jelmstorf die einzige zertifizierte Igelauffangstation im Landkreis Uelzen ist und täglich einen wichtigen Beitrag zum Natur- und Artenschutz leistet.

Jede Hilfe zählt – auch vom Sofa aus

Neben finanziellen Spenden benötigt die Igelhilfe dringend Menschen, die mit anpacken. Dafür sind nicht zwingend medizinische Vorkenntnisse nötig. Gerade beim täglichen Füttern und Reinigen der Boxen zählt jede zusätzliche Hand. 

Wer helfen möchte, muss dafür nicht einmal in die Station kommen. Es gibt eine wichtige Aufgabe, die sich wunderbar nach Feierabend auf dem Sofa erledigen lässt: das Vorbereiten von Toilettenpapier. Um die Igelboxen auszupolstern, benötigt die Station gerade im Herbst und Winter riesige Mengen davon. Das Papier muss Blatt für Blatt abgerissen und leicht zerknüllt werden. „Wichtig ist, dass das Papier nicht staubt. Sonst können die Igel davon Husten bekommen. Am besten hat sich für uns 4-lagiges Toilettenpapier von Discounter-Eigenmarken bewährt“, sagt Kellner.

Eine Verantwortung für uns alle

Artenschutz bedeutet Verantwortung und lässt sich nicht einfach an andere delegieren. Es geht um das Leben von Geschöpfen, die in unserer Welt still und leise den Kürzeren ziehen. Um das zu verhindern, können wir alle unseren Beitrag leisten – sei es durch Zufüttern, Spenden oder tatkräftiges Mitwirken vor Ort. 

Cordula Maria Kellner und ihr Team werden in Jelmstorf weiterkämpfen, solange es ihre Kräfte hergeben. Es ist ein Mammutprojekt. Damit es langfristig gelingt und getragen werden kann, ist die Unterstützung aller gefragt. Denn nur gemeinsam ist diese große Herausforderung zu bewältigen.

Kontakt & Unterstützung 

Igelhilfe Lüneburger Heide

Klaepenheide 13

29585 Jelmstorf 

Web: https://igelhilfe-lueneburger-heide.de/ 

E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. 

Telefon: 05821/9696895 

Spendenkonto

Igelhilfe Lüneburger Heide

Sparkasse Uelzen Lüchow-Dannenberg

IBAN: DE 78 2585 0110 0230 4716 33 

BIC: NOLADE21UEL oder ganz einfach über Paypal. 

 

Foto: Cordula Maria Kellner