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Tierwelt

Ein erfülltes Leben mit Handicap: Die Rollihunde vom Hun’nenhoff 

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Schneverdingen. Seit fast 20 Jahren kümmert sich der Lebenshof „De Hun’nenhoff“ um kranke, alte und vernachlässigte Tiere. Im Mittelpunkt steht die Betreuung von Hunden, die nicht mehr eigenständig laufen können. Dabei zeigt sich täglich, wie viel Lebensfreude Tiere mit Handicap haben können.

Von unserer Redaktion

Wer das Tor zum Hun’nenhoff öffnet, wird von einer Welle geballter Lebensfreude empfangen. Eine Gruppe von Hunden wuselt aufgeregt über das Gelände, bringt Spielzeug und fordert Streicheleinheiten ein. Bei so viel Ausgelassenheit tritt die Besonderheit des Rudels fast in den Hintergrund: Viele der Tiere sind körperlich eingeschränkt und mit Rollfahrzeugen unterwegs. Der Anblick mag auf manche Menschen befremdlich wirken – für das Team vom Hun’nenhoff gehört er zum Alltag. 

Ein sicherer Hafen

Der Hun’nenhoff ist Lebenshof, Kompetenzzentrum und vor allem ein sicherer Hafen für Tiere, die besondere Fürsorge und Aufmerksamkeit benötigen. 2006 wurde er von Humanmedizinerin Dr. Usha Peters gegründet. 2018 folgte die Umwandlung in eine gemeinnützige Stiftung. Die Arbeit bleibt nicht unbeachtet: Für ihren Einsatz erhielt Dr. Usha Peters in diesem Jahr das Bundesverdienstkreuz.

Getragen wird das Projekt bis heute von Menschen, die sich mit Leidenschaft und Überzeugung dem Tierschutz verschrieben haben. Zu ihnen gehören Stefan Maus, der sich als Vorstandsvorsitzender des Fördervereins für den Hof engagiert, und Ramona Klein, die als tiermedizinische Fachangestellte und Hofleitung die Betreuung der Tiere mitverantwortet. Kern der Arbeit ist es, den Tieren ein sicheres Umfeld, Ruhe und Geborgenheit zu geben. „Wir betrachten unsere Schützlinge, als wären es unsere eigenen Tiere“, sagt Ramona Klein. „Sie dürfen hier ankommen und einfach sein, wie sie sind“, ergänzt Stefan Maus.

Aktuell leben auf dem Areal 152 Tiere friedlich zusammen: Neben Hunden und Katzen haben hier auch Pferde, Schafe und Geflügel ein dauerhaftes Zuhause gefunden. Es sind Tiere, die aus dem Ausland gerettet, aus schlechter Haltung beschlagnahmt oder von überforderten Privatpersonen abgegeben wurden. 

Ein Schwerpunkt liegt auf der Versorgung von Tieren mit Handicap. Aktuell leben rund 30 sogenannte „Rollihunde“ auf dem Hof. Diesen liebevollen Spitznamen tragen sie, weil sie für ihre Mobilität auf spezielle Rollwagen angewiesen sind. Aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen können sie nicht selbstständig laufen. Viele von ihnen sind querschnittsgelähmt – etwa infolge von Unfällen, Bandscheibenvorfällen oder Tumorerkrankungen. 

Zwischen Pflege, Therapie und Kuschelzeit

Dass die Tiere vom Hun’nenhof so viel Lebensfreude versprühen, ist auch ihrer intensiven Betreuung zu verdanken. Täglich kümmert sich ein Team aus erfahrenen Fachkräften darum, dass es ihnen gut geht.

Der Alltag ist streng durchgetaktet und in ein Früh- und Spätschichtsystem unterteilt. „Morgens um acht Uhr starten wir mit einer Teambesprechung, um zu klären, welche Patienten besondere Aufmerksamkeit benötigen“, erklärt Ramona Klein. Da der Hof sehr weitläufig ist, müssen mitunter lange Wege zurückgelegt werden. Um diese so kurz wie möglich zu halten, ist jeder Mitarbeiter einem festen Bereich zugeordnet.

Die Pflege der querschnittsgelähmten Hunde erfordert besonderes Einfühlungsvermögen: Viele von ihnen können ihre Blase nicht selbstständig entleeren, so dass diese per Hand ausgedrückt werden muss. „Das machen wir etwa alle fünf bis sechs Stunden. Morgens immer vor dem Frühstück, damit der Bauch nicht zu voll ist“, erklärt Ramona Klein den Ablauf. 

Neben der medizinischen Versorgung, dem Füttern und Saubermachen steht regelmäßige Beschäftigung auf dem Programm, beispielsweise auf dem hofeigenen Hundespielplatz. Ehrenamtliche Gassigänger unternehmen mit den Hunden zusätzlich Ausflüge ins Grüne. Und es wird – ganz wichtig – ausgiebig mit den Vierbeinern geschmust.

Ein breitgefächertes Angebot

In den letzten Jahren hat das Team vom Hun’nenhoff ein breites Portfolio an Hilfsangeboten aufgebaut. Es berät Menschen, die ein Haustier mit Handicap haben, vermittelt Kontakte und bietet wertvolle Unterstützung im Alltag. „Wir möchten Betroffenen Mut machen und ihnen zeigen, dass sie die Pflege ihres Tieres meistern können“, sagt Stefan Maus und fügt hinzu: „Leider passiert es immer noch viel zu häufig, dass Hunde nach einem Bandscheibenvorfall oder einer Lähmung eingeschläfert werden, weil die Halter überfordert sind oder keine Perspektive sehen.”

Seit 2018 fertigt der Hof maßgeschneiderte Rollwagen für gehandicapte Tiere an. Bleiben gebrauchte Fahrzeuge übrig, werden sie kostengünstig abgegeben. Ergänzt wird das Angebot durch eine eigene Praxis für Physiotherapie und Rehabilitation, die auch externen Patienten offensteht. Ob Unterwasserlaufband, Laser- oder Elektrotherapie – die Behandlungsmöglichkeiten sind vielfältig und darauf ausgerichtet, die Mobilität der Vierbeiner zu erhalten oder zurückzugewinnen. „Wenn wir sehen, wie viel Lebensqualität wir den Tieren durch gezielte Therapie zurückgeben können, ist das die schönste Belohnung für uns“, betont Ramona Klein.

Wer einen Hund mit Handicap hat und verreisen möchte, findet mit dem „Rolliday Inn“ eine zuverlässige Anlaufstelle. Dabei handelt es sich um eine spezialisierte Hundepension, in der gelähmte Hunde vorübergehend unterkommen können und fachkundig betreut werden.

Schicksale, die bewegen

Viele Tiere auf dem Hun’nenhoff bringen eine traurige Geschichte mit sich – zum Beispiel die Hündin Yara. Sie hieß vorher Rona und wurde nahe der ukrainischen Kriegsfront von Tierschützern gerettet. Dort fand man sie an einer Hütte angekettet. „Als sie zu uns kam, war sie extrem ängstlich, wollte sich überhaupt nicht anfassen lassen und hätte sich am liebsten in einem Mauseloch verkrochen“, erinnert sich Ramona Klein.

Schnell bemerkte das Team weitere Probleme: Yara verletzte sich selbst. Sie biss sich in den Schwanz und die Hinterbeine, so dass schwere Wunden entstanden, die alle zwei Tage verbunden werden mussten. Eine Untersuchung in der Tierklinik brachte schließlich Klarheit. Es stellte sich heraus, dass Yara unter Epilepsie und einer Autoaggression leidet. 

Bis die richtige Behandlung gefunden war, vergingen einige Wochen. Doch die Geduld zahlte sich aus. Heute ist Yara medikamentös so gut eingestellt, dass es ihr deutlich besser geht. Mit viel Zuwendung, konsequentem Training und gezielter geistiger Auslastung half das Team Yara dabei, Vertrauen aufzubauen. Ihre Autoaggression tritt heute nur noch selten auf. „Sie ist ein fröhlicher, menschenbezogener und anhänglicher Hund geworden“, freut sich Ramona Klein. „Wir haben sie Yara genannt, was ‚kleiner Schmetterling‘ bedeutet – als Symbol für ihren Neuanfang.“ 

Nicht jedes Tier lässt die Erfahrungen seiner Vergangenheit hinter sich. Deshalb legt das Team großen Wert auf einen Umgang, der individuelle Grenzen respektiert. Stefan Maus sagt dazu: „Tierschutz bedeutet für uns, die Eigenheiten unserer Schützlinge anzunehmen.“ Rüde Cuba beispielsweise lebt schon seit vielen Jahren auf dem Hof. Anfassen lässt er sich bis heute von niemandem. „Er nimmt Leckerlis und springt manchmal an uns hoch, mehr Kontakt möchte er jedoch nicht. Wir akzeptieren das. Er darf hier einfach glücklich sein, ohne bedrängt zu werden“, erklärt Maus. 

Große Verantwortung, begrenzte Mittel 

Die Arbeit auf dem Hof ist mit einem hohen Aufwand verbunden. Staatliche Fördermittel gibt es nicht, weshalb die Finanzierung eine der größten Herausforderungen darstellt. 

„Wir müssen die Versorgung unserer Tiere langfristig sichern. Deshalb schaffen wir mit Angeboten wie der Physiotherapie, unserer Pension und unserem Shop eigene Einnahmequellen“, sagt Stefan Maus und ergänzt: „Trotzdem sind Patenschaften und regelmäßige Spenden enorm wichtig für unsere Existenz.“

Doch nicht nur die Finanzierung verlangt dem Team viel ab. Auch auf emotionaler Seite entstehen Herausforderungen. Belastend sind beispielsweise Fälle, in denen Hilfe benötigt wird, der Hof aber keine freien Kapazitäten mehr hat. Für die Mitarbeitenden bedeutet das, Anfragen ablehnen zu müssen, obwohl sie helfen möchten. „Wir sind an gesetzliche Vorgaben gebunden und müssen konsequent bleiben. Wenn wir das nicht tun, gefährden wir die Versorgung der Tiere, die hier leben“, sagt Ramona Klein. 

Gegen Barrieren in den Köpfen 

Hunde im Rollstuhl sind für viele Menschen ein ungewohnter, bisweilen befremdlicher Anblick. Nicht selten begegnen Außenstehende dem Thema mit Skepsis oder halten es für unangebracht, ein gehandicaptes Tier mit einem fahrbaren Untersatz auszustatten. 

Stefan Maus ging es einmal ähnlich. „Früher hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ein Hund im Rollstuhl wirklich glücklich sein kann“, erzählt er. Doch der erste Besuch auf dem Hof veränderte seine Sicht: „Als die Rollihunde mit ihrer unbändigen Freude auf mich zugerast kamen, waren meine Vorurteile mit einem Schlag weggewischt.“

Um solche Begegnungen und Augenblicke des Umdenkens zu ermöglichen, öffnet der Hof regelmäßig seine Tore – so auch beim anstehenden Sommerfest am 9. August, an dem der Hun’nenhoff sein 20-jähriges Bestehen feiert. „Wir freuen uns über jeden, der uns besucht“, sagt Ramona Klein. „Auch Menschen, die dem Thema skeptisch gegenüberstehen, sind herzlich eingeladen, sich selbst ein Bild zu machen.“ 

Denn wer die Rollihunde vom Hun’nenhoff einmal erlebt hat, dem wird klar: Ein Handicap bedeutet nicht das Ende eines erfüllten Lebens. Tiere mit körperlichen Einschränkungen können noch viele schöne Jahre verbringen. Alles, was es dazu braucht, sind Menschen, die ihnen eine Chance geben.

Spendenmöglichkeiten

HASPA

Stiftung de Hunnenhoff

IBAN: DE53 2005 0550 1002 3210 30 

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oder

Deutsche Bank

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Fotos: privat