Seit vier Jahrzehnten setzt sich Waldemar Golnik für den Erhalt von Schleiereulen im Landkreis Uelzen ein. Mehr als 600 Nistkästen hat der engagierte Tierschützer inzwischen installiert. Hinzu kommen Tausende Beringungen. Für ihn ist der Vogelschutz mehr als ein Ehrenamt. Es ist eine Lebensaufgabe.
Von unserer Redaktion.
Wenn sie auf ihrem Hof eine Leiter klappern hören, wissen viele Landwirte im Landkreis Uelzen schon: Waldemar Golnik ist wieder unterwegs. Der 79-jährige Pensionär braucht sich vielerorts nicht mehr anzumelden. Die Menschen kennen ihn und die Türen stehen ihm offen.
Seit 40 Jahren widmet sich Golnik dem Schutz von Schleiereulen. Mit seinem unermüdlichen Einsatz hat er dazu beigetragen, dass sich der Bestand der majestätischen Nachtvögel in der Region so gut entwickelt hat wie kaum anderswo in Deutschland.
Ein Zeitungsartikel gab den Anstoß
Waldemar Golniks Weg zum Schleiereulenschutz begann in den 1980er-Jahren. Er las einen Zeitungsartikel, in dem Ehrenamtliche im Kreis Braunschweig über ihre Arbeit mit Schleiereulen berichteten. Der Beitrag weckte Erinnerungen an seine Kindheit. Als kleiner Junge hatte Golnik die Vögel häufiger gesehen und zugleich erlebt, wie unerbittlich die Natur sein kann. „In harten Wintern fand ich immer wieder tote Eulen, die verhungert waren, weil sie unter der Schneedecke kaum an Mäuse herankamen“, erzählt er. Der Zeitungsartikel gab ihm den Anstoß, sich für den Erhalt der Tiere einzusetzen.
Etwa zur gleichen Zeit trat Golnik dem Naturschutzbund (NABU) Uelzen bei. Dort schloss er sich Karl-Heinz Köhler an, der sich bereits für den Schleiereulenschutz im Landkreis engagierte. Köhler betreute einige Nistkästen und kümmerte sich vor allem um die Beringung. Dabei werden Wildvögeln Markierungsringe aus Aluminium oder Kunststoff um das Bein gelegt. So lassen sich die Tiere eindeutig identifizieren. Werden sie später wiedergefunden, können daraus Erkenntnisse über ihre Bewegungsmuster und Lebensweise gewonnen werden.
Zunächst unterstützte Golnik bei der Pflege der Nistkästen. Damit begann seine praktische Arbeit mit den Eulen. „Meinen ersten eigenen Kasten baute ich in einen Feuerwehrturm. Dort gab es eine runde Öffnung, die ursprünglich für eine Uhr vorgesehen war“, berichtet er. Der Platz schien ihm wie geschaffen für einen Nistkasten und tatsächlich zog schon bald eine Schleiereule ein.
Artenschutz als Lebensaufgabe
Im Laufe der Zeit installierte Waldemar Golnik immer mehr Kästen – zunächst in der näheren Umgebung, später im gesamten Landkreis. Er sprach Landwirte an und fragte, ob er in ihren Scheunen Nistkästen anbringen dürfe. „Viele reagierten aufgeschlossen und erlaubten es mir“, erinnert er sich. Heute sind im gesamten Landkreis mehr als 600 Nistkästen verteilt.
Golnik baut alle von ihnen selbst. Dafür verwendet er Abfallholz, das er von Firmen aus der Umgebung günstig ersteht oder geschenkt bekommt. Die passenden Standorte für die Nistkästen hat er vorab im Blick. Besonders bewährt haben sich ehemalige Trafotürme. In den turmförmigen Häuschen waren früher Transformatoren zur Stromversorgung der Region untergebracht. „Heute sind sie stillgelegt, ausgeräumt und in ihrer Substanz oft noch gut erhalten. Im oberen Bereich bieten sie ideale Möglichkeiten, Brutplätze einzurichten“, sagt Golnik.
Mehr als 20 solcher Türme hat er inzwischen mit Nistkästen ausgestattet. Was einst mit einem einzelnen Kasten begann, ist längst zu einer Lebensaufgabe geworden.
Ein Zuhause für Schleiereulen und andere Gäste
Waldemar Golniks Nistkästen gefallen nicht nur Schleiereulen. Auch andere Vogelarten wie Waldkäuze, Dohlen und Turmfalken nutzen sie gerne. Manchmal finden sogar Eichhörnchen darin ein Zuhause.
Für Golnik folgt die Arbeit mit den Vögeln einem festen Rhythmus. Im Frühjahr sind zunächst die Waldkäuze an der Reihe. Sie brüten als erstes. Ab Ende März kontrolliert er die Kästen und notiert, ob und wie viele Eier darin liegen. „Rund drei Wochen nach dem Schlüpfen kann ich die Jungvögel beringen“, schildert Golnik. „Ihre Füße sind dann vollständig entwickelt, so dass der Ring nicht beim Wachstum stört.“
Danach richtet sich seine Aufmerksamkeit auf die Schleiereulen. Sie beginnen meist zwischen Ende März und Anfang April mit der Brut. Dann folgt dasselbe Prozedere: Kontrollieren, Dokumentieren, Beringen.
Anhand der Ringe lässt sich nachvollziehen, woher eine Eule kommt, wie alt sie wird und ob sie ihrem Partner und Brutgebiet treu bleibt. So wurden Tiere aus dem Landkreis Uelzen beispielsweise schon in Frankreich und Spanien gesichtet. „Eine unserer Schleiereulen verschlug es nachweislich sogar bis nach Schottland“, berichtet Golnik. Für ihn sind solche Daten enorm spannend und wertvoll. Sie geben Einblicke in das Leben der Tiere, die ihn seit Jahrzehnten faszinieren.
Von Mäusen und Menschen
Wie gut es um den Schleiereulenbestand bestellt ist, hängt entscheidend vom Nahrungsangebot ab. Zu rund 90 Prozent ernähren sich die Tiere von Mäusen. Vor allem schneereiche Winter können verheerend sein: Unter hohem Schnee sind die Mäuse für die Eulen nur schwer erreichbar. Der Bestand kann sich dann drastisch reduzieren. „Kritisch kann es auch im Sommer werden“, weiß Waldemar Golnik. „Wenn die Vegetation hoch steht, gestaltet sich die Nahrungssuche schwierig.“
Ein regelrechter Schub entsteht dagegen in den sogenannten Mäusejahren, die etwa alle drei Jahre auftreten. Dann gibt es besonders viele Mäuse und damit ausreichend Nahrung für die Schleiereulen. Infolgedessen brüten sie zwei- oder dreimal im Jahr und gleichen die Verluste wieder aus.
Doch die Vögel sind nicht nur von den Mäusen, sondern gewissermaßen auch vom Menschen abhängig. Früher standen die Scheunen der Landwirte häufig offen. „Dort fanden die Tiere geschützte Brutplätze und konnten ihre Jungen großziehen“, sagt Golnik. Heute verlangen EU-Vorschriften, dass Scheunen und Ställe geschlossen bleiben, um Ungeziefer fernzuhalten.
Für die Schleiereulen ist das ein Problem. Viele ihrer angestammten Brutplätze fallen dadurch weg. Auch andere Vogelarten sind betroffen. „Alle Vögel haben große Schwierigkeiten zu überleben. Besonders Kleinvögel wie Schwalben haben es schwer“, konstatiert Golnik. Doch er hat eine pragmatische Lösung gefunden: Er bringt die Nistkästen so an, dass die Vögel sie von außen anfliegen können. Die Landwirte müssen ihre Gebäude dadurch nicht offenhalten und die Tiere behalten trotzdem die Möglichkeit zu brüten.
Ganz unkritisch sieht Golnik die besagten Vorschriften trotzdem nicht. „Das ökologische Gleichgewicht gerät hier außer Acht“, sagt er. „Wo Korn und Getreide gelagert werden, gibt es zwangsläufig Mäuse – ob die Scheunen verschlossen sind oder nicht. Schleiereulen helfen dabei, die Mäusepopulation in Schach zu halten. Deswegen sind die Landwirte oft froh, wenn sie die Vögel bei sich haben.“
Solange man die Leiter klappern hört
Waldemar Golniks jahrzehntelange Arbeit zahlt sich aus. Der Schleiereulenbestand im Landkreis Uelzen hat sich sehr gut erholt und gehört seinen Angaben nach zu den größten Deutschlands.
Ans Aufhören denkt Golnik aber noch nicht. „Solange ich gesund bin, möchte ich weitermachen“, sagt er. „Ganz so umfangreich wie früher muss es allerdings nicht mehr sein“. Aus Rücksicht auf seine Frau, die mittlerweile ebenfalls im Ruhestand ist, hat er sein Pensum etwas reduziert. Aktuell fährt er an fünf bis sechs Nachmittagen pro Woche mit seinem Pkw-Anhänger durch den Landkreis. Rund 10.000 Kilometer pro Jahr legt er so für den Artenschutz zurück.
Seit Kurzem unterstützt ihn ein junger Mann aus Himbergen, der großes Interesse an der Arbeit zeigt. Ob er sie langfristig fortführen kann, ist jedoch nicht nur eine Frage der Zeit, sondern auch des Geldes. „Die Tätigkeit ist mit hohen Fahrtkosten verbunden, die man nicht jedem ehrenamtlich zumuten kann“, sagt Golnik.
Und so wird man seine Leiter wohl noch eine Weile klappern hören: irgendwo in einer Scheune oder an einem alten Trafoturm. Dann ist Waldemar Golnik wieder unterwegs und sorgt dafür, dass die Schleiereulen im Landkreis Uelzen auch künftig ein Zuhause finden.
Foto: privat