Uelzen/Landkreis. Hunde in verdreckten Zwingern, abgemagerte Pferde, überfüllte Kaninchenställe – das Veterinäramt des Landkreises Uelzen greift ein, wenn das Wohl von Tieren gefährdet ist. Die Uelzener Nachrichten haben nachgefragt, welche Fälle die Mitarbeitenden beschäftigen und wie sie in der Praxis vorgehen. Ein Einblick in eine behördliche Arbeit, die oft nicht gesehen wird, doch für den Tierschutz unverzichtbar ist.
Von unserer Redaktion
Ein kühler Morgen irgendwo im Landkreis Uelzen. Die Felder sind noch in Nebel gehüllt, als ein Auto auf einen Hof einbiegt. Stallgeruch liegt in der Luft, in der Nähe ist das dumpfe Scharren von Hufen zu hören. Eine Mitarbeiterin des Veterinäramts steigt aus dem Fahrzeug und klingelt. Sie kommt unangekündigt und möchte einen Blick in den Stall werfen. Dabei stellt sie gezielte Fragen: Womit werden die Tiere gefüttert? Wie oft werden die Ställe gereinigt? Wann war zuletzt der Tierarzt da?
Zur gleichen Zeit in einem Mehrfamilienhaus in der Uelzener Innenstadt. Auch hier klingelt jemand vom Veterinäramt und bittet, ein dort lebendes Tier in Augenschein nehmen zu dürfen. Es ging ein anonymer Anruf ein: Der Hund in der Wohnung im dritten Stock werde oft alleine gelassen und komme kaum nach draußen.
Solche Szenarien gehören für die Mitarbeitenden des Veterinäramts im Landkreis Uelzen zum Alltag. Sie prüfen, beraten und greifen ein, wenn das Wohl eines Tieres gefährdet ist. Ihre Arbeit findet meist abseits der Öffentlichkeit statt und ist doch zentral für den Tierschutz in der Region.
Drei Säulen, eine Mission
Das Veterinäramt des Landkreises Uelzen hat mehr Aufgaben, als manche vermuten. Neben dem Tierschutz ist es zuständig für die Lebensmittelsicherheit und Tierseuchenbekämpfung. Übergeordneter Zweck der Arbeit ist es, die Gesundheit, Sicherheit und Lebensqualität von Mensch und Tier zu gewährleisten.
„Im Bereich Lebensmittelsicherheit kontrollieren wir Hygiene- und Sicherheitsstandards in Betrieben, die Lebensmittel herstellen, verarbeiten oder verkaufen“, berichtet Uwe Holst, Verwaltungsleiter des Veterinäramts. Geprüft werden auch Bedarfsgegenstände wie Geschirr, Spielzeug, Kosmetika oder Tabakwaren, also alles, was mit dem menschlichen Körper in Kontakt kommt.
Bei der Tierseuchenbekämpfung geht es darum, Ausbrüche von Krankheiten wie der Afrikanischen Schweinepest oder Maul- und Klauenseuche zu verhindern oder einzudämmen. Solche Ereignisse haben eine gesundheitliche und wirtschaftliche Dimension. Sie können Betriebe in ihrer Existenz gefährden und ganze Branchen lahmlegen. Das Amt führt deshalb regelmäßige Monitoringprogramme sowie Routinekontrollen durch und hält Reaktionspläne für den Ernstfall bereit.
Den dritten Bereich bildet schließlich der Tierschutz. Kreisveterinärin Dr. Ursula Kimmel-Brandes erklärt: „Wir wachen darüber, dass Tiere artgerecht gehalten, versorgt und behandelt werden – ob Nutztier oder Heimtier". Das beinhaltet Kontrollen in landwirtschaftlichen Betrieben ebenso wie die Bearbeitung von Hinweisen aus der Bevölkerung, etwa wenn ein Hund kaum Auslauf bekommt oder Pferde ohne ausreichenden Witterungsschutz auf der Weide stehen.
Zwischen Emotion und Einordnung
Im Heimtierbereich sind keine anlassunabhängigen Kontrollen durch das Veterinäramt gestattet. Aus diesem Grund spielen Meldungen von Bürgern eine wichtige Rolle, um Fälle von Tierwohlgefährdung aufzudecken. Dr. Ursula Kimmel-Brandes sagt dazu: „Die Tiere können uns nicht selbst anrufen und auf ihre Situation aufmerksam machen. Hinweise von außen sind daher wichtig für unsere Arbeit.“
Das stellt die Mitarbeitenden gleichzeitig vor Herausforderungen, denn oft entstehen solche Meldungen aus unterschiedlichen Wahrnehmungen und Maßstäben heraus. „Was der eine als ganz klar tierschutzrelevant empfindet, betrachtet der andere als völlig normal“, schildert Dr. Kimmel-Brandes. Zudem kann es vorkommen, dass man als Außenstehender Momentaufnahmen sieht, die wenig über die tatsächlichen Haltungsbedingungen aussagen. Ein Hund, der jeden Morgen allein im Garten ist, kann schnell als vernachlässigt gelten, obwohl er regelmäßig versorgt wird und jederzeit Zugang ins Haus hat.
Hinzu kommt, dass Tierschutz ein stark emotional besetztes Thema ist. Hinweise sind nicht immer frei von persönlichen Konflikten, etwa im nachbarschaftlichen Umfeld. Für das Veterinäramt bedeutet das, jede Meldung sorgfältig zu prüfen und einzuordnen. „Kein Hinweis darf vorschnell relativiert werden. Die Erfahrung zeigt, dass auch eine auf den ersten Blick unscheinbare Beobachtung auf einen gravierenden Missstand hindeuten kann”, so Dr. Kimmel-Brandes. Aus diesem Grund wird ausnahmslos jede Meldung verfolgt – immer mit dem Ziel, die tatsächliche Situation des Tieres zu beurteilen.
Handeln auf gesetzlicher Grundlage
Als staatliche Behörde agiert das Veterinäramt auf Grundlage komplexer Regularien. Neben dem deutschen Tierschutzgesetz greifen zahlreiche weitere nationale und europäische Verordnungen, darunter die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, die Hundehaltungsverordnung, EU-Vorschriften zu Tiertransporten und viele mehr. Diese gesetzlichen Grundlagen sind die einzigen Maßstäbe, die zählen. „Persönliche Ansichten haben im hoheitlichen Vollzug keinen Platz", betont Uwe Holst. „Entscheidend ist, ob geltendes Recht eingehalten wird." Trotz klarer Vorgaben muss jeder Fall individuell betrachtet werden. Das Ziel ist nicht, sofort zu sanktionieren, sondern gemeinsam Wege zu finden, um die Situation des Tieres zu verbessern.
Werden Mängel festgestellt, folgt in der Regel ein abgestuftes Verfahren. Zuerst wird der Tierhalter über seinen Verstoß aufgeklärt. Dem schließen sich mündliche, dann schriftliche Anordnungen an. In dringenden Fällen kann das Amt selbst in eine sogenannte Ersatzvornahme gehen und beispielsweise eine tierärztliche Versorgung beauftragen. Dafür geht es in Vorleistung und erlegt die Kosten anschließend dem Tierhalter auf. Bei wiederholten oder besonders schweren Verstößen, oder wenn eine Person bereits ein Tierhaltungsverbot trägt, wird das Tier fortgenommen. Auch das folgt klaren rechtlichen Vorgaben.
Wie Tierleid entsteht: Überforderung als häufigste Ursache
Warum Tierleid passiert, lässt sich nicht pauschal beantworten. Manche Menschen agieren aus reiner Böswilligkeit. „Solche Fälle sind jedoch vergleichsweise selten“, konstatiert Dr. Ursula Kimmel-Brandes. „Eine weitaus häufigere Ursache ist Überforderung – sei es psychisch, finanziell oder organisatorisch.“
Manchmal nimmt das extreme Formen an. Beim sogenannten Animal Hoarding sammeln Menschen krankhaft Tiere an, ohne zu merken, dass sie die Situation längst nicht mehr im Griff haben. Ein Beispiel aus der Region: 2024 mussten in Uelzen mehr als 600 Degus aus einer Privatwohnung geholt werden. Die kleinen Nager lebten dicht gedrängt in weniger als 20 Käfigen, einige unter ihnen waren bereits verstorben. Mit der Unterstützung von Ehrenamtlichen und mehreren Tierheimen konnte das Veterinäramt die überlebenden Tiere tierärztlich versorgen lassen und unterbringen. Solche Einsätze sind logistisch wie menschlich eine enorme Herausforderung.
Risiken trotz guter Absichten
Auch der gute Wille kann Risiken mit sich bringen. So beschäftigt das Veterinäramt zunehmend die Einfuhr von Hunden aus dem Ausland. Häufig steckt ein ernsthaftes Tierschutzanliegen dahinter. „Schwierigkeiten ergeben sich jedoch, wenn wichtige Dokumente wie Impfnachweise fehlen“, erklärt Uwe Holst „Die Herkunft der Tiere ist oft unklar und ansteckende Erkrankungen bleiben teils unentdeckt.“ Besonders kritisch sind Krankheiten wie Tollwut, die aus bestimmten Herkunftsländern eingeschleppt werden können.
Außerdem ergeben sich tierschutzrechtliche Bedenken: Welpen, die zu früh von ihrer Mutter getrennt werden, entwickeln häufig dauerhafte Verhaltensprobleme. Solche Fälle verdeutlichen, wie eng Tierwohl, Verantwortung und Regulierung miteinander verbunden sind.
Ohne Ehrenamt geht es nicht
Der Großteil der Arbeit des Veterinäramts besteht aus Aufklärung, Kontrollen und Begleitung. Viele Einsätze enden ohne spektakuläre Schlagzeilen in den Medien – und zwar weil sie Wirkung zeigen. Von den Erfolgen ihrer Maßnahmen bekommt die Öffentlichkeit daher oft nichts mit. „Wenn wir sehen, dass sich Haltungsbedingungen verbessern und die Tiere wieder eine gute Lebensqualität haben, sind das die Momente, die uns motivieren", sagt Dr. Ursula Kimmel-Brandes.
Von großer Bedeutung ist die Unterstützung durch Tierheime, Pflegestellen und Privatpersonen. Das Veterinäramt selbst verfügt über keine eigenen Unterbringungsmöglichkeiten. Bei Fortnahmen müssen kurzfristig Plätze organisiert werden, manchmal für viele Tiere gleichzeitig. Das ist nicht das einzige Problem: Tiere aus desolaten Haltungen sind häufig krank, verhaltensauffällig und schwer vermittelbar. Ihre Versorgung erfordert Zeit, Erfahrung und Engagement. Uwe Holst betont: „Ohne die Menschen, die diese Aufgabe übernehmen, wäre ein wesentlicher Teil des Tierschutzes im Landkreis nicht umsetzbar.“
Auf dem richtigen Weg
Obwohl es immer wieder Fälle von Tierwohlgefährdung gibt, sind auch positive Entwicklungen zu verzeichnen. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Haltungsstandards aufgrund von rechtlichen Verschärfungen verbessert. Kontrollen wurden intensiviert und allgemein hat das Bewusstsein für Tierwohl und Tiergesundheit in der Gesellschaft zugenommen. „Das gibt Anlass zu vorsichtigem Optimismus“, sagt Uwe Holst. „Trotzdem bleiben genug Herausforderungen bestehen und es kommen neue hinzu.“
Und so geht die Arbeit des Veterinäramts weiter. Irgendwo im Landkreis biegt gerade ein Auto auf einen Hof ein. Jemand klingelt an einer Wohnungstür. Wo der Einsatz hinführt, ist ungewiss. Manchmal genügt ein aufklärendes Gespräch, manchmal folgt ein langes Verfahren. Doch der Auftrag bleibt immer derselbe: Tieren zu helfen, die sich nicht selbst helfen können.
Foto: Landkreis Uelzen